Die Luft brannte und die Luft brennt wieder, wenn sich die Diskussion um Dresden entfacht. Vor und nach dem Angriff passierte ich auf der Flucht aus Breslau die Elbmetropole, um zwischenzeitlich bis zum Kriegsende mit meiner Verwandtschaft in Tetschen – Bodenbach ( heute Decin) Zuflucht zu finden. Von dort aus habe ich als Kind trotz Erdkrümmung das Abendrot am Himmel gesehen. Ich sah auch, wie etwa zwei Tage später die ersten Überlebenden, verstaubt und verdreckt in Tetschen ankamen, zum Teil halbirre Menschen. Sie murmelten nur vor sich hin und waren nicht ansprechbar. Die Kolonne der Ausgebombten wirkte unnatürlich und unheimlich auf mich, wie ein "Zug von Vampiren". Die Gesichter haben sich mir trotz des Schmutzes als bleich und durchgeistigt dargestellt. Ich hatte Angst vor diesen Menschen. Deutlich hat sich mir das Bild eines älteren Herren mit Nickelbrille, langem Mantel und einer völlig verstaubten "Melone" eingeprägt. Er ging kerzengerade und hatte nichts weiter als einen leeren Vogelkäfig bei sich. Der Zug schien aus meiner kindlichen Sicht irgendwo im Ungewissen zu verschwinden, wie einst die Kinder von Hameln. Im selben Frühjahr “reisten“ wir wieder über Dresden zurück auf der Suche nach einer Bleibe. Der Gestank und der Qualm lagen noch in der Luft und Trümmer wohin man auch sah. Unser Handwagen passte kaum durch die Strassen.
Es stellt sich für mich die Frage, ob hierzu nicht schon genug gesagt und geschrieben wurde und ob nicht ein alljährliches, kurzes und stilles Gedenken der Dresdner genügt. Wenn ich aber in letzter Zeit verstärkt vernehme, daß von der wahren Intention, der großtechnischen Erprobung neuartiger Massenvernichtungsmittel abgelenkt werden soll und in letzter Zeit verstärkt höre, daß die Russen es gewesen sein sollen, auf deren Bitten und Drängen sich die englischen Kampfstaffeln in Bewegung setzten, dann stellt sich mir diese Frage nicht mehr.
Das Inferno bleibt unbestritten und wird auch nicht geleugnet. Was man aber gern leugnen möchte und selbiges auch vermehrt versucht, ist die Jagd anglo-amerikanischer Tiefflieger auf wehrlose Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, die sich auf die Elbwiesen zu retten versuchten. Besonders taten sich die Mustangs hervor, die im Tiefflug Jagd auf einzelne Menschen machten.
Diese Schuld liegt schwer auf den Schultern dieser beiden Siegermächte, und gern möchte man diese Schmach mit Unterstützung deutscher Speichellecker, die den Krieg nur aus Büchern kennen, abwischen, was auch verständlich ist. Es liegt aber an uns, das zu verhindern. Eine solche Leugnung ist natürlich ohne Folgen, und so wird es auch bleiben. Dasselbe gilt aber auch noch für die Umkehrung.
Am 17. April 1945, also acht Wochen nach den Hauptangriffen, flog die US-Luftwaffe mit 572
Bombern einen letzten Angriff auf eine tote Stadt, in der noch Leichen lagen. Wie man das nennt, weiß jeder selbst. In der offiziellen amerikanischen Geschichtsschreibung wird diese Niedertracht nicht erwähnt. Wahrscheinlich ist auch denen diese Schande unerträglich.
Dr. Heinz Schneider